Das Bündnis für Demokratie und Toleranz der Region Zwickau informiert:
Der November ist ein Monat, in dem deutsche Geschichte besonders nah zusammenrückt. Die Novemberpogrome von 1938, die Friedliche Revolution und der Mauerfall 1989, die Selbstenttarnung des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ am 4. November 2011: Es sind historische Zäsuren, die weit auseinanderliegen – und doch bis heute Fragen an uns stellen.
Genau hier setzen die NOVEMBERTAGE an. Die Veranstaltungsreihe des Bündnisses für Demokratie und Toleranz der Region Zwickau lädt dazu ein, zurückzublicken, zuzuhören, miteinander ins Gespräch zu kommen und Verbindungen zur Gegenwart herzustellen. Denn Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Antisemitismus sind ebenso wenig ausschließlich Themen der Vergangenheit wie der Mut von Menschen, sich gegen Unrecht zu stellen und für Freiheit, Demokratie und Menschenwürde einzutreten. Die NOVEMBERTAGE wollen deshalb nicht nur erinnern, sondern auch fragen, was Geschichte für unser Handeln heute bedeutet.
Die NOVEMBERTAGE werden organisiert vom Koordinierungsbüro im Beteiligungsbereich des Alter Gasometer e. V. Auch in diesem Jahr spannt sich das Programm mit Lesungen, Diskussionen, Kino, Theater, Konzerten, Stadtrundgängen und Gedenkveranstaltungen über verschiedene Orte in Zwickau und im Landkreis. Mehr als 20 Veranstaltungen umfasst das diesjährige Programm, wobei es 2026 einen Schwerpunkt gibt, der für unsere Stadt noch einmal eine besondere Bedeutung besitzt: 15 Jahre Selbstenttarnung des NSU.
Fokus I: 15 Jahre danach - Was bleibt?
Am 4. November 2011 wurde mit der Selbstenttarnung des rechtsterroristischen NSU sichtbar, was über Jahre hinweg unentdeckt geblieben war. Für Zwickau ist dieses Datum eng mit der eigenen Stadtgeschichte verbunden. 15 Jahre später stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie wir an die Opfer erinnern. Ebenso wichtig ist die Frage, was aufgearbeitet wurde, welche Stimmen gehört wurden und werden – und welche Konsequenzen wir als Gesellschaft aus rechtem Terror und seinen Kontinuitäten ziehen.
Mehrere Veranstaltungen greifen diesen Schwerpunkt auf. Dabei erhalten die diesjährigen NOVEMBERTAGE maßgeblich Unterstützung durch die Kooperation mit Offener Prozess - ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex: Am Jahrestag, dem 4. November, führen ein Critical Walk durch Zwickau sowie Gedenkveranstaltungen im Dom St. Marien mit einem anschließenden Gedenken an den Gedenkbäumen durch unterschiedliche Formen des Erinnerns. Die Lesung „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ mit Angehörigen der Ermordeten am 6. November und die Theaterperformance „Are The Kids Alright“ des jungen ostdeutschen Theaterkollektivs RE6 am 22. November im Mondstaubtheater, die Ergebnisse einer Residency zum Erinnern von Lysann König werden am 5. November im Projekt 46 vorgestellt und ein Thematischer Büchertisch in der Stadtbibliothek Zwickau sind weitere Beiträge im Rahmen der Kooperation.
Darüber hinaus wird die Auseinandersetzung mit dem „NSU-Komplex“ in einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „15 Jahre nach der Selbstenttarnung“ im Gewandhaus Zwickau, einem Besuch des NSU-Dokumentationszentrums in Chemnitz und der Kundgebung „Kein Schlussstrich!“ fortgesetzt.
Fokus II: Woran erinnern wir?
Auch die beiden anderen großen historischen Linien der NOVEMBERTAGE ziehen sich durch das Programm. An die Novemberpogrome von 1938 erinnern der DGB Südwestsachsen mit einer Gedenkveranstaltung sowie das gemeinsame Putzen der Stolpersteine in Zwickau, Glauchau und Limbach-Oberfrohna, organisiert von Bündnis‘90/DIE GRÜNEN. Im Robert-Schumann-Haus wird der Film „Wunderkinder“ mit dem Zwickauer Geiger Elin Kolev in der Rolle des jüdischen Wunderkindes Abrascha gezeigt. Der Alte Gasometer zeigt den Dokumentarfilm „Das Ungesagte“, der sich dem Verdrängen der Vergangenheit und dem Schweigen in deutschen Familien nach 1945 über die NS-Zeit widmet. In der Lesung Gedenken Neu Denken mit der „Erinnerungsinfluencerin“ Susanne Siegert geht es um neue Wege des Erinnerns und wie künftige Generationen ohne Zeitzeugen erreicht werden können.
Fokus III: Wie erinnern wir Freiheit?
Der 16. Oktober ist in Zwickau ein besonderer Tag: Seit 2014 ist er offiziell der kommunale Gedenktag zur Erinnerung an die Friedliche Revolution von 1989. Er erinnert an den Mut der Menschen, die sich für Freiheit, Mitbestimmung und demokratische Veränderungen eingesetzt haben. Am 16. Oktober 1989 fand in der Zwickauer Marienkirche das erste Friedensgebet jener entscheidenden Wochen statt – Hunderte Menschen kamen zusammen, weitere Friedensgebete und Demonstrationen folgten. Die NOVEMBERTAGE haben erstmalig in diesem Jahr diese lokale Erinnerung aufgegriffen: Mit dem Actionbound „Friedliche Revolution Zwickau“ wurde am 16. Oktober Stadtgeschichte unmittelbar erfahrbar. Mit dem QR-Code im Programmheft ist es möglich, jederzeit unabhängig vom Gedenktag auf Spurensuche zu gehen.
Weitere Veranstaltungen zeigen unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven auf DDR, Umbruch und gesellschaftliche Veränderung. Das Mehrgenerationenhaus zeigt eine Ausstellung aus den Wendejahren und lädt ein zu einem Dialogabend unter dem Titel „Einfach machen? Frauen, Aufbruch & Selbstorganisation“. In der Friedenskirche treffen Generationen aufeinander, wenn es heißt „Freiheit erzählen – Jugendliche fragen Zeitzeugen“. Der Gesprächsabend „Früher war alles besser“ greift aktuelle Entwicklungen in der Automobilindustrie auf und bringt betroffene Menschen mit Zeitzeugen zusammen, die in der Wendezeit prägende Umbrüche erlebt haben. „Die Shoah & die DDR“ ist der Titel einer weiteren Veranstaltung, zu der gleich an zwei Orte eingeladen wird (Werdau und Zwickau).
Eine weitere Besonderheit ist in diesem Jahr die Zusammenarbeit mit dem Kultur- und Begegnungszentrum Ariowitsch-Haus e. V. Mit ihrem mobilen Projekt „Gemeinsam unterwegs für eine tolerante Gesellschaft – Antisemitismus bekämpfen und jüdische Kultur stärken“ trägt die Leipziger Einrichtung drei Veranstaltungen zum Programm bei, die jüdische Geschichte und jüdisches Leben aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, die Lesung „Jung & jüdisch in der DDR“ und ein Konzert mit „Die Damen und Herren Daffke“, welches gleichzeitig den Abschluss des Projekts bildet und Lieder und Chansons der 20er Jahre in den Alten Gasometer nach Zwickau bringt.
Alle Veranstaltungen und weitere Informationen finden Sie unter www.wir-gemeinsam-zwickau.de