Stadt Zwickau, Alter Gasometer e.V. und Offener Prozess gGmbH informieren:
Gemeinsames Gedenken im Dom St. Marien und an den Gedenkbäumen am Schwanenteich
Mit einer zentralen Gedenkveranstaltung im Dom St. Marien und einem anschließenden Gedenken an den Gedenkbäumen am Schwanenteich hat das Bündnis für Demokratie und Toleranz der Zwickauer Region am Mittwoch an die Opfer des NSU erinnert. Anlass war der 15. Jahrestag der Selbstenttarnung des rechtsterroristischen Netzwerks am 4. November 2011. Erstmals nahmen an der zentralen Gedenkveranstaltung auch Angehörige von Opfern und Betroffene teil.
Im Mittelpunkt des Gedenkens standen die zehn Menschen, die der NSU ermordete: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.
Jahrelang lebte das Kerntrio des NSU in Zwickau und brach von hier aus zu seinen Taten auf. Es stützte sich dabei auf ein bundesweites Unterstützungsnetzwerk. Die Hintergründe und Strukturen des NSU-Komplexes sind bis heute nicht vollständig aufgeklärt und aufgearbeitet. Das Gedenken verbindet deshalb die Erinnerung an die Opfer mit der Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung – in Politik, Institutionen und Zivilgesellschaft.
„Wir können die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Wir können die Menschen nicht zurückholen. Aber wir können dafür sorgen, dass ihre Geschichten nicht verstummen, dass ihre Namen nicht vergessen werden und dass die Erfahrungen von uns Familien ernst genommen werden. Erinnerung bedeutet nicht nur, zurückzublicken. Erinnerung bedeutet, Verantwortung für die Gegenwart und die Zukunft zu übernehmen“, sagte Mandy Boulgarides in ihrem Redebeitrag für die Angehörigen.
Gedenken und Verantwortung als gemeinsame Aufgabe
Die Gedenkveranstaltung im Dom St. Marien, an der rund 150 Menschen teilnahmen, und das Gedenken an den Gedenkbäumen wurden gemeinsam von den Bündnismitgliedern Alter Gasometer e.V., Offener Prozess gGmbH und der Stadt Zwickau ausgerichtet.
Oberbürgermeisterin Constance Arndt erinnerte in ihrer Begrüßung daran, dass das Aufdecken des NSU Zwickau und ganz Deutschland erschüttert habe. Noch heute sei man fassungslos, dass die rechtsextremen Terroristen jahrelang in Zwickau wohnten und Morde begingen sowie Bombenanschläge und Raubüberfälle verübten. Sie appellierte, auch mit Blick auf aktuelle Geschehnisse in Deutschland und der Welt: „Dies ist neben dem Gedenken an und die Trauer um die Opfer unsere Aufgabe: wachsam zu sein, sich für die demokratisch-freiheitliche Grundordnung einzusetzen, sie zu verteidigen und damit den Artikel 1 des Grundgesetzes im Kleinen wie im Großen mit Leben zu erfüllen: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘“
Weitere Rednerinnen und Redner im Dom St. Marien waren unter anderem Staatssekretär Sebastian Wüste vom Bundesministerium des Innern, Abteilungsleiterin Britta Behrendt aus dem Bundeskanzleramt, Ulf Bandiko, Amtschef des Sächsischen Staatsministeriums des Innern und Dr. Andrea Blumtritt, Landesbeauftragte für Antidiskriminierung. Für die Angehörigen sprach Mandy Boulgarides. Außerdem gab es einen wissenschaftlichen Beitrag sowie eine Ansprache von Vertretern der Zivilgesellschaft. Vertreter der Zwickauer Ökumene steuerten einen Beitrag zum Thema „Nächstenliebe“ bei. Die Musikbeiträge, dargeboten von Mitgliedern der Clara-Schumann-Philharmoniker Plauen-Zwickau, hatten sich Angehörige gewünscht: ein türkisches und ein griechisches Lied sowie der 2. Satz von Haydns Streichquartett Nr. 62, op. 76 Nr. 3, besser bekannt als Melodie der Nationalhymne.
„Erinnerung ist keine Pflichtübung, sondern gelebte Verantwortung. Die Zivilgesellschaft hat in Zwickau gezeigt, dass das Schweigen von damals nicht das letzte Wort bleibt. Wer erinnert, schützt die Zukunft“, sagt Jörg Banitz, Sozialpädagoge beim Alten Gasometer e.V.
Critical Walk beleuchtet lokale Bezüge, Unterstützungsnetzwerke und Erinnerungspolitik
Bereits am Nachmittag organisierte die Offener Prozess gGmbH einen Critical Walk zum NSU-Komplex in Zwickau. Der Stadtrundgang führte zu ehemaligen Wohnorten des Kerntrios und von Personen aus dessen Unterstützerkreis. Er thematisierte außerdem die kommunale Gedenkpolitik und die Arbeit zivilgesellschaftlicher Initiativen. Am Erinnerungsort standen das Leben und die Wünsche der Opfer im Mittelpunkt. „Die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex darf sich nicht auf Jahrestage beschränken. Mit dem Critical Walk machen wir die Geschichte des NSU und seines Unterstützungsumfelds in Zwickau zum Gegenstand einer gemeinsamen Auseinandersetzung. Dabei ist für uns entscheidend, dass die Perspektiven der Angehörigen und Betroffenen nicht an den Rand rücken, sondern die Erinnerungs- und Bildungsarbeit mitbestimmen“, erklären Dr. Nora Krzywinski und Esther Gerstenberg, Geschäftsführerinnen der Offener Prozess gGmbH.